Unsere „Weltenbummlerin“ Susie ist inzwischen schon wieder in Deutschland angekommen. Von Ihrer letzten Station in Lateinamerika – Mexiko – schickte Sie noch einen nachdenklichen Reisebericht. Ein schöner Abschluss zu den ereignisreichen 6 Monaten, die Sie in Argentinien, Chile, Bolivien, Peru, Ecuador, Costa Rica, Nicaragua, Guatemala und Mexiko verlebte:
Antigua – Lago de Atitlan – Antigua – Flores (Tikal) – durch Belize ueber die Grenze nach Mexico – Tulum – Valladolid – Chichen Itza – Merida – Uxmal – Palenque – San Cristobal de las Casas – Tonina – Oaxaca – Mexico City
Ihr Lieben,
den letzten Teil meiner Reiseroute gibt es hier nur in Kurzform, denn ich wollte dann doch noch einige abschliessende, leicht philosophische Betrachtungen mit Euch teilen. Here it goes:
Jetzt bin ich tatsaechlich angekommen. Ich muss ja sagen, dass ich am Anfang nicht so recht glauben konnte, Ende Maerz 2012 wirklich in Mexico City zu stehen. Einfach nur, weil es so eine riesige Strecke ist und soviele Laender zu durchqueren sind. Und zum ueberwiegenden Teil lief es wirklich gut. Ich kann mich nur an einen Motorschaden erinnern, im Norden von Honduras. Da wurden wir aber schon nach 20 min von einem anderen Bus mitgenommen. Das ist ein fantastischer Schnitt, denn ich bin in SEHR vielen Bussen gereist, bei einigen davon war es nicht so sicher, ob sie es ueber den naechsten Berg schaffen. Von denen ist aber nie einer liegengeblieben, sondern der teurere Tica-Bus. In Bussen oder beim Warten auf dieselben habe ich zwei super Maedels kennengelernt, die auch allein durch Lateinamerika reisten: Julie aus Schottland in Costa Rica und Anna aus Koeln in Nicaragua. Und in einem Jeep, der durch das bolivianische Hochland rumpelte, Giovany aus Kolumbien und Patricio aus Chile. Mit allen bin ich danach ein Stueck zusammen weitergereist.
In Bussen habe ich erfahren, was man gegen Eifersucht in Beziehungen tun kann und hab CDs geschenkt bekommen. In Argentinien wurde mir mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet und meine An- und Abreise minutioes protokolliert. Und in Mexico wurden mir USB-Sticks mit fast allen Fotos geklaut (inzwischen glaub ich auch, dass es das Militaer war…). Ich habe unzaehlige Filme jeder Qualitaet und Laenge gesehen, von „Tree of Life“, „Beverly Hills Chihuaha“ bis zu „Robin Hood“ mit Russell Crowe (3 Mal). Wenn ich den Film noch nicht kannte, half mir normalerweise mein Sitznachbar aus und erzaehlte mir die Handlung. Ich danke allen Bus- und Taxifahrern, dass sie mich heil an mein Ziel brachten, manchen mehr als anderen, z.B. dem Fahrer auf der Strecke zwischen Palenque und San Cristobal de las Casas in Mexico (die sich durch Haarnadelkurven, speed bumps alle 100 m und ueberladene mexikanische LKWs, die natuerlich alle ueberholt werden muessen, auszeichnet). Da musste ich dann doch mal eine mexikanische Pille gegen Reisekrankheit einnehmen. Ein mindestens 60jaehriger Taxifahrer in Lima wollte mich heiraten, ein anderer brachte mich an den falschen Ort und nicht wenigen habe ich wohl zuviel bezahlt. Aber letztlich war es nie soviel, dass es mich in den Ruin gestuerzt haette.
Ich habe mit einem pensionierten Chemiker aus Frankreich Spanisch-Vokabeln geuebt und mit einem jungen kanadischen Farmer Rum-Cola fuer 30 Cent getrunken. Einer 29jaehrigen Amerikanerin erzaehlte ich von all den Dingen, die besser sind, wenn man 30 ist, bis sie mir sagte, dass sie Krebs hat und sich gegen eine Behandlung entschieden hat. Manchmal hab ich Sachen gemacht, die mir zuhause nie in den Sinn kommen wuerden. Und manchmal war ich auch einsam, weil ich alleine nicht ausgegangen bin. Jetzt liebe ich Berlin umso mehr, denn ich kann nachts um 3 allein nach Hause laufen und es passiert nichts. Ich freue mich auf Euch alle, auf zuverlaessige Warmwasserversorgung, Buergersteige, auf denen 2 Leute gleichzeitig nebeneinander gehen koennen und aufs Fahrrad fahren. Aber ich koennte auch ewig so weitermachen, meine innere Uhr tickt mexikanisch und ist trotzdem immer in Bewegung. Ich freu mich auf zuhause aber ich bin auch verwirrt. An einem Ort wohnen? Arbeiten gehen?? Das kann ich mir gerade noch nicht vorstellen.Ich hab gesehen, wie hart die Leute hier arbeiten und mit welchen Problemen sie sich rumschlagen muessen. Unsere sind ein Witz dagegen. Die meisten Frauen arbeiten und Kinderbetreuung ist fast nicht existent. Manche Gegenden sind sehr gefaehrlich. Trotzdem wuerden sie nie auf die Idee kommen, keine Kinder zu haben. Trotzdem haben sie sich Zeit genommen, mit mir zu reden, mir zu helfen und ihre wenige Zeit mit mir geteilt. Ich habe Kinder auf brennenden Muellkippen spielen sehen und Kinder, die Schuhe putzen oder barfuss Sachen verkaufen muessen. Der gesetzliche Mindestlohn in Mexico betraegt EUR 2,80 pro Tag und es gibt 6 Tage Urlaub pro Jahr (nach einem Jahr Betriebszugehoerigkeit). Die 6-Tage-Woche ist Standard.
Ich hab mich auch gefragt, welchen Sinn es eigentlich macht, in wirklich armen Laendern Urlaub zu machen. Manchmal, besonders in Mittelamerika, hab ich mich wie in einer Parallelwelt gefuehlt: umgeben von Touristen, alle Hostels und Restaurants in der Hand von Auslaendern und die einzigen Einheimischen, die ich traf, waren solche, die den Bus fuhren oder von denen ich eine Mango auf der Strasse kaufte. Das ist so eine Art moderner Kolonialismus, man geniesst das Land und das Geld, das man ausgibt, landet in den USA oder Europa. In Guatemala und einigen anderen Laendern wurde speziell fuer Touristen eine eigene Polizeieinheit geschaffen. In Antigua kann man dort einen kostenlosen Begleiter anfordern, wenn man auf den Stadtberg, den Cerro de la Cruz, gehen will, damit man dort nicht ausgeraubt wird. Im Prinzip sind Touristen besser geschuetzt als Einhemische. Ich weiss ja nicht, welchen Aufschrei der Empoerung das geben wuerde, wenn man in Deutschland eine Touristenpolizei einfuehren wuerde.
Ich bereue es nicht, allein gefahren zu sein. Es war nicht immer einfach, aber jetzt gehoere ich zu der kleinen, aber durchweg beeindruckenden Gemeinde von Frauen, die das von sich sagen kann. Und mein Spanisch hat unglaublich davon profitiert, so dass ich jetzt in Mexico auch oefter mal fuer andere uebersetzen konnte. Lustig waren nur die Reaktionen der Leute: von Staunen, Bewunderung bis hin zu Mitleid (wie die mexikanische Mutter, die troestend ihren Arm um meine Schultern legte).
Ich hab mich auch nicht so mutig gefuehlt, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit allein in meinem Hotelzimmer sass. Und ich hab die Jungs bewundert, die das Selbstvertrauen hatten, auch mal allein zum Wasserfall zu wandern. Wer weiss, vielleicht waere mir ja auch nichts passirt? Aber hier hat man immer wieder gehoert: „Ja, aber du als Frau musst mehr aufpassen!“ Und da habe ich leider immer drauf gehoert. Aber in einem halben Jahr sehe ich das sicherlich anders. Man kann auch viel unsicherer reisen als ich, z.B. nur in den billigsten Bussen, nachts abfahren und ankommen, mit dem Rucksack durch die Stadt laufen und in der metro etc. fahren, nachts alleine rumlaufen, sich von fremden Menschen zu Getraenken einladen lassen und viel Zeit in mittelamerikanischen Hauptstaedten verbringen. Meine 5 Jahre sparen haben mir erlaubt, das nicht machen zu muessen. Und auch wenn diese Leute vielleicht ein paar interessantere Erlebnisse hatten, auf manche davon habe ich gerne verzichtet (z.B. in einem Bus zu fahren, in dem JEDER Passagier eine Machete dabei hatte).Aber all denen, die vielleicht auch mal so etwas vorhaben kann ich sagen, dass das europaeische Bild von Lateinamerika als einer von verseuchtem Essen, Drogen und Kriminalitaet befallenen Hoelle dann doch masslos uebertrieben ist. Man kann wunderbar friedlich reisen, sofern man etwas nachdenkt. (Also, wer kommt mit nach Kolumbien?) Und wenn doch mal was passiert, wollen sie eigentlich nur Geld. Und das ist ja nun keine lateinamerikanische Spezialitaet (ich denke da gerne auch an Frankreich und Italien).
In diesem Sinne also gute Reise und bis in ein paar Tagen!
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